Eine kunterbunte Pferdemischung, hoch engagierte Referenten und ganz viel Fachwissen: Nach drei Tagen Fair zum Pferd-Kolleg rauchten nicht nur den Zuschauern die Köpfe.
Friese, Araber, Spanier, Gelderländer, Rheinländer und ein Quarterhorse – unterschiedlicher konnten die Pferde kaum sein, die zum Kolleg Mitte Juni mit ihren Reitern zum Gut Waldau in Rheinbach angereist waren. Die Pächterin, Chrissi Twardy, der großzügigen und gepflegten Anlage, hatte die Dressurhalle samt Reiterstübchen den Fairlern zur Verfügung gestellt.

Chrissi Twardy (li.) stellte ihr Pferd als "lebendes Objekt" zur Verfügung, an dem Susanne Schmitz-Eckold das Exterieur erklären konnte. Foto: Birgit Schlag.

Musterung der Pferde an der Hand. Bei diesem Gelderländer muss man sich im Trab schon anstrengen, um mithalten zu können. Foto: Birgit Schlag
Am Anfang steht immer eines: der Pferde- und Ausrüstungscheck. Züchterin und Exterieurspezialistin Susanne Schmitz-Eckold und Kerstin Gerhardt (Bereiter FN) musterten die Vierbeiner. Eine erste Einschätzung des Exterieurs, der kritische Blick auf die Bemuskelung des Pferdes – der einem sofort verrät, wie das Pferd bisher gearbeitet worden ist – schließlich die Kontrolle vom Zaumzeug. Bei zwei Pferden attestierten die Expertinnen ein zu kleines Gebiss, denn hier gilt die „1,5-Daumen-Regel“: Zwischen Maul und Gebissring müssen noch 1,5 Daumen passen, sonst ist das Gebiss zu kurz und kann die Lefzen empfindlich quetschen. Auch beim Sattelcheck, den Aristidis Mertsios vom Sattelcorner unterstützte, gab es eine Kritik: Der Sattel des Friesen passte nicht: weder vom Schwerpunkt her, noch von der Kammerweite. Umso ärgerlicher für die Besitzerin, die vor kurzem erst von einem „Fachmann“ den Sattel hatte überprüfen lassen.

Aristidis Mertsios beim kritischen Sattelcheck. Bei dem Sattel gab es nichts zu beanstanden. Foto: Birgit Schlag
Schließlich hieß es rauf auf´s Pferd, damit sich die Referentinnen einen ersten Überblick über den Ausbildungsstand der Teilnehmerinnen und ihrer Vierbeiner machen konnten. Ein kleiner hübscher Spanier tickte deutlich im Trab – für ihn war das Seminar damit beendet.
Zeit zum Verschnaufen hatten die Vierbeiner am Abend, der ganz im Zeichen von Xenophon stand. Seine Reitkunst und Grundsätze beschrieb Dr. Klaus Widdra ausführlich und eingängig. Dass Xenophons Gedanken bis heute Gültigkeit haben, belegte Dr. Klaus Widdra während seines Vortrages: Respekt vor dem Pferd, Vertrauen, Ruhe und viel, viel Lob waren damals und heute elementarer Bestandteil einer fairen Pferdeausbildung. Was das in der Praxis bedeutet, demonstrierte der Referent allen Teilnehmrinnen mit Pferd, die bei ihm anschließend eine „Schnupperstunde“ Unterricht nehmen konnten.

Hoch konzentriert: Dr. Klaus Widdra beim Vortrag über Xenophons Reitkunst und deren Gültigkeit bis heute. Foto: DS
Am Samstag Vormittag hieß es „Das Auge schulen“: Mit Beamer, Leinwand und Notebook ausgerüstet zeigte Susanne Schmitz-Eckold, worauf es beim Exterieur ankommt. Die Winkelung der Hinterhand hier, der Schulter dort, Rumpftiefe, Rückenlänge – mit ihrem schier unerschöpflichen Wissen forderte sie die ganze Konzentration der Zuschauer und räumte mit so manchem Vorurteil auf. „Gerade schwache Reiter sollten sich kein iberisches Pferd kaufen“, sagte sie und ein Raunen ging durch die Halle. Die Erklärung folgte sofort: Kurze im Quadrattyp stehende Pferde – so wie die meisten iberischen Pferde also - sind durch ihre kurzen Rücken sehr schwer zum schwingen zu bringen, also dass die Bewegungen tatsächlich durch den ganzen Köper fließen und der Rücken aufgewölbt ist. Selbst wenn diese Pferde den Rücken nicht hergeben, fühlen sie sich noch mehr oder weniger bequem zu sitzen an. Nur ein erfahrener Reiter spürt hier den Unterschied und hat die Fähigkeit, auch diese Pferde gesund zu arbeiten.
Nach der Mittagspause war Kerstin Gerhardt ganz in ihrem Element. Im Praxisteil bekamen die Teilnehmerinnen Unterricht von ihr. Doch gleich eine Enttäuschung zu Beginn: Auch die hübsche fünfjährige Rheinländerstute zeigte jetzt ein deutliches Ticken und bekam einen „gelben Schein“ verordnet. Zu Recht, wie wenig später ein Tierarzt feststellte: das Stütchen hatte eine Schulterprellung.
Für die anderen aber hieß es: Aufmerksam sein und warten – auf das Pferd. „Wenn sich das Pferd in der Lösungsphase einmal aus der Dehnungshaltung heraus hebt, ja dann lass ihn doch“, erklärte die Bereiterin: „Dann bitte nicht anfangen mit den Zügeln herumzufummeln, sondern abwarten.“ Und tatsächlich: Innerhalb kürzester Zeit lief der Gelderländer in einer schönen Dehnungshaltung. „Es gibt natürlich auch die Snickers-Pferde“, meinte Kerstin Gerhardt mit einem Augenzwinkern – „die, bei denen etwas länger dauert“.
Eines der Themen, das bei fast allen Reiterinnen eine Rolle spielte: eine konstante, feine Anlehnung erarbeiten. „Führen sie die Zügel so, als ob sie eine Gartenschubkarre fahren würden“, lautete einer von Kerstin Gerhardts Tipps dazu. Kritisch beäugte sie Zügel die mit „Snaps“, also kleinen Haken, am Gebissring befestigt waren. „Diese Snaps eignen sich nicht für eine ganz feine Zügelführung“, sagte sie und erklärte: „Der Haken wirkt wie ein zusätzliches Gelenk und bringt dadurch Unruhe in die Zügelführung.“
Wie sich Rollkur und Co. auf die moderne Zucht auswirken, erklärte Susanne Schmitz-Eckold am Abend. Nicht nur in den Niederlanden sei eine neue Zuchttendenz zu beobachten: „Die Hinterhand dieser Pferde erinnert ein wenig an die Hinterhand eines Schäferhundes: Die Kruppe ist regelrecht tiefergelegt. Dahinter steht der Wunsch, dass die Pferde stärker Last aufnehmen sollen. Doch das Gegenteil ist der Fall“, so Susanne Schmitz Eckold, „tatsächlich ist so ein vermehrtes Untertreten unter den Schwerpunkt nicht mehr möglich. Nur nach vorn heraus zeigen diese Pferde eine große Aktion.“

Ganz unterschiedliche Pferde waren dabei. Hier eine hübsche fünfjährige Rheinländerstute. Foto: Birgit Schlag
Das Gelernte vertiefen stand am Sonntag morgen auf dem Programm, in der zweiten Reiteinheit bei Kerstin Gerhardt. Und obwohl die Nacht für einige Referenten und Zuschauer doch recht kurz war – weil der gemütliche Abend dann doch etwas länger dauerte - kam keine Müdigkeit auf. „Der einzige, der die Zeit der Ausbildung bestimmt, ist das Pferd – niemand sonst“, lautet ihr Motto. Was in der Theorie zwar für alle klar ist, in der Praxis aber schon einmal eine Nervenprobe für die Reiter sein kann. „Zum Reiten gehören eben auch Disziplin und Demut“, mahnte Kerstin Gerhardt.
Referentin Christiane Horstmann kam am Sonntag Nachmittag und hatte extra ihr eigenes Seminar verkürzt um beim Fair zum Pferd-Kolleg dabei sein zu können. Sie gab einen Einblick in die Arbeitsweise der Schule der Légèreté von Philippe Karl. „Wir konditionieren die Dehnungshaltung. Generell möchten wir zu jeder Zeit die Silhouette des Pferdes bestimmen können“, erklärte sie. Sehr spannend war für die Zuschauer, wie sie mit den Reiterinnen und Pferden arbeitete, die vorher schon bei Kerstin Gerhardt im Unterricht waren. Beide Referentinnen erkannten bei den Pferd-Reiter-Kombinationen die selben Probleme, nur die Lösungswege unterschieden sich. Zum Beispiel bei dem triebigen Friesen. Kerstin Gerhardt setzte hier auf kurze Reprisen und ein signalhaftes Treiben: „Lieber einmal kurz deutlich mit dem Schenkel werden, statt immer und immer wieder zu treiben, das stumpft nur ab“, so Gerhardt. Die Analyse teilte Christiane Horstmann zwar, wollte den Friesen aber auf andere Art und Weise munter machen. „Eine Aufforderung mit dem Schenkel, eine zweite, dann ein Antippen mit der Gerte, das sich zur Not in der Intensität steigern muss – wie eine lästige Fliege. Mit der Zeit wird der Friese lernen, dass es besser ist, auf die erste Aufforderung zu gehorchen“, beschrieb sie ihre Vorgehensweise.
Fast drei Tage haben die Referenten alle Fragen geduldig beantwortet, immer ein offenes Ohr gehabt. Honorar wollten sie dafür keines, es ging ihnen allen um die Sache: um einen fairen, verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd und eine ebensolche Ausbildung, ohne Kompromisse, die zu Lasten des Pferdes gehen könnten. Sie investierten ihre Zeit und damit schließlich auch Geld nur um ihr Wissen weitergeben zu können – das ist wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit! Noch einmal ein ganz großes Danke an alle!!!
Und wie fanden die Zuschauer das Seminar? Wir haben sie gebeten einen Kritikbogen auszufüllen und auf das Ergebnis sind wir schon ein wenig stolz. Zwei Kritikpunkt wurden häufiger angeführt (Tonanlage könnte besser sein, ebenso die Ausschilderung zur Veranstaltung), ansonsten gab es nur Lob: „Tolles Team, Fragen in jeglicher Richtung wurden immer beantwortet, danke für das tolle Seminar“, „Ein wirklich gutes Seminar zu einem sensationellen Preis, war eine großartige Gelegenheit über den Tellerrand zu schauen“, „Man hat sich willkommen gefühlt und ein tolles Expertenteam kennen gelernt! Vielen Dank!“ und „Weiter so!“. Das machen wir, versprochen. (cls)












Hi, das war bestimmt ein Lehrreiches und Interessantes Wochenende. Ich hätte auch manchmal lust an solchen Lehrgängen mitzumachen. Mein Problem sind immer die langen Wege hier oben in Meck-Pomm wird sowas viel zu selten angeboten.
Habe schon immer Probleme für meinen Trainerschein Seminare zu finde in der Gegend. Mit Kind und Kegel alles unter einen Hut zu bekommen ist schon Schwierig würde mich freuen wenn hier oben auch kleinere Lehrgänge Angeboten werden.
Mit freundlichen Grüßen
M. Ziemke
Meinen Kommentar findet ihr im Forum: http://dressur-studien.ning.com/group/nachleseseminare/forum/topics/fzpkolleg-juni-2011?commentId=2685772%3AComment%3A131319&xg_source=activity&groupId=2685772%3AGroup%3A45332
DAS war ein wirklich sehr gelungenes und informatives Seminar und vor Allem für jeden erschwinglich!
Neben der toleranten und lockeren Atmosphäre und einer erwähnenswerten Sorge um das leibliche Wohl der Teilnehmer war ich besonders von der Kompetenz der Referenten beeindruckt, die ihr Wissen und Können sehr gut vermitteln konnten. Davon haben nicht nur die aktiven Teilnehmer profitiert, sonder auch die Zuschauer wurden sehr intensiv in das Seminar mit einbezogen. DANKE! Fair zum Pferd wurde gelebt.
Beim nächsten Seminar im Köln-Bonner Raum werde ich (+ mein vierbeiniger Begleiter ;o) )sicher wieder dabei sein.